Cary Fukunaga erzählt auf brilliante Weise vom grausamen Gewaltalltag Latein-Amerikas
Eine Familie mit tausenden Brüdern und Schwestern, die sich überall auf der Welt um dich kümmern – das verspricht El Sol, einer der Anführer der mexikanischen Gang „Mara Salvatrucha“, dem Kind Smiley mit der Aufnahme in eben jene Gang. Aber erst, nachdem diese Brüder und Schwestern den Jungen, der mindestens einen halben Meter kleiner ist als der Rest der männlichen Mitglieder, niedergeschlagen und zusammengetreten haben.
Auch El Casper, der als erster schlug und als letzter seinen Fuß in die Rippen des am Boden liegenden Jungen rammte. Casper und Smiley trennen ein paar Jahre, Casper bringt Smiley zum klauen, in die Gang, verprügelt ihn beim Einführungsritual, zieht ihn danach auf die Beine, hilft ihm beim ersten Mord. So ist es mit den anderen Brüdern und Schwestern, so war es, so wird es sein, wer sich quer stellt, wird ermordet.
Cary Fukunaga zeigt in seinem Film über lateinamerikanische Gangs meist nur Wirkung, weniger die Ursachen. Man erahnt nur, dass sich die Jugendlichen den strengen und brutalen Ganggesetzen ergeben, weil sie das einzig Verlässliche in den chaotischen Zuständen der kriegs- und armutsgebeutelten Länder sind.
Gibt es in so einer Welt noch Hoffnung? Cary Fukunaga lässt sie 95 Minuten lang sterben.
Wir lernen Casper kennen, mit einer Träne neben dem Auge tätowiert, sehen, wie er emotionslos ein Kind verprügelt, aber wie ein geprügelter Hund zusammenzuckt, als ihm seine Freundin eine fast sanfte Ohrfeige gibt. Da hat er plötzlich Liebe in den Augen, bettelt um die Liebe des Mädchens und man glaubt plötzlich an Hoffnung, so ist es doch immer, das Mädchen rettet den bösen Kerl zum Schluss vor sich selbst, wird die Erfüllung seines Lebens.
Dass für Casper aber schon alle Hoffnung starb, als er Marero wurde, zeigt das reale Sterben seiner personifizierten Hoffnung, der geliebten Martha Marlene, seiner letzten Illusion von einem wirklich gelebten Leben, und nicht dem mordenden dahinvegetieren in einer Bande, die Persönlichkeit und Individualität nicht zulässt.
Auf der einen Seite steht Casper in seinem Viertel, mit seiner Gang, ein Schläger, ein Mörder.
Die Klicke ist das einzige und alles, über ihr existiert nichts. Für eine Lüge bekommt Casper rituelle 13 Sekunden lang Schläge und Tritte von seinen „Brüdern“. Widerspruch existiert nicht.
Auf der anderen Seite, in einem anderen Viertel, lebt seine Freundin, die weder von seiner Bande weiß, noch dass er nicht Willy, sondern Casper heißt. Die Unvereinbarkeit von Lebensträumen und der Realität in den Straßen Lateinamerikas zeigt sich nicht nur in den zwei Namen. Martha wird sie zum Verhängnis und dass sie schon lange Caspars Verhängnis ist, diese Erkenntnis bringt ihm ihr Tod. Obwohl Sol Martha eher ausversehen als absichtlich tötet, wenn auch bei dem Versuch, sie zu vergewaltigen, erwartet er von Casper, diese Tatsache stillschweigend zu akzeptieren.
Marthas Tod nimmt ihm nicht nur das Mädchen, das er liebte, er nimmt ihm auch die Klicke, die er liebte.
Während er noch zuvor versuchte, Martha und die Gang irgendwie zu vereinen, mit beidem Glück zu finden, ist nun das eine Schuld am Verschwinden des anderen. Und mit dem was übrigbleibt, kann er nicht leben, geschweige denn Glück finden. Das Leben bietet Casper nichts mehr und der Spruch auf den Kinoplakaten, “The greatest sin of all is risking nothing.”, wird bedeutungslos, denn zu verlieren und somit zu riskieren, hat er nichts mehr.
Anders als Sayra.
Das Mädchen aus Honduras versucht mit Vater, Onkel und hunderten anderen Flüchtlingen auf dem Dach eines Güterzuges in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Neben Hunger und Durst droht ihr auch der Tod, der wieder in der Person Sols erscheint. Der Zug hält in einem Kaff, es regnet, die Passagiere suchen Schutz unter Planen; Sol, Smiley und Casper suchen Geld und Schmuck, wobei sie die Reisenden mit Messer, Pistole und etwas so archaischem wie einer Machete bedrohen.
Sol versucht Sayra zu vergewaltigen.
Das Messer an ihrer Kehle beschimpft er sie, Vater und Onkel können nur hilflos zusehen. Auch Casper sieht zu. Doch Dann schlägt er plötzlich zu. Sol starrt ihn ungläubig an. Das Blut spritzt aus Sols Halsschlagader und vermischt sich auf dem durchweichten Hemd Caspers mit dem Regen zu einem sanften Rosa. Casper hat sein Todesurteil unterschrieben und Smiley, den er laufen lässt, wird es zu den Mareros tragen.
Aber Sayra lebt und ist unversehrt.
Sie ist das genaue Gegenteil zu den Mareros. Bei ihnen musste Caspar einen Mord begehen, um sich den Schutz tausender Brüder und Schwestern zu erkämpfen. In Sayra hingegen gewinnt er eine Schwester, die ihm Loyalität und Schutz schwört, weil er ein Menschenleben rettete.
Mit ihr flammt die Hoffnung wieder auf, plötzlich gibt es wieder so etwas wie Liebe für Caspar und nun treffen die beiden Protagonisten, die eher wie Bruder und Schwester anmuten, Entscheidungen, in denen sie die Todsünde, nichts zu riskieren, getrost verspotten.
Caspar entscheidet sich bewusst dafür, Sol zu töten und Sayra zu retten. Mit dieser Entscheidung setzt er sein eigenes Todesurteil fest. Durch diese eine Tat gewinnt er Sayra für sich, die sich wiederum bewusst dafür entscheidet, ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen, in ihm einen Freund statt eines Mörders zu sehen und letztendlich lieber mit ihm, den ab nun Gejagten, den gefährlichen Weg in die USA einschlägt, als bei der Gruppe ihres Vaters zu bleiben.
Sin nombre, ein Film ohne Namen, zeigt uns viele Tode.
Er zeigt uns Mörder, Kinder, Kinder die morden, Hilflosigkeit und eine unfassbare, namenlose Sinnlosigkeit. Die Protagonisten werden zwischen dem erbarmungslosen Leben und Sterben in den Straßen der Slums und der ebenso todbringenden Flucht in die „himmlischen“ USA zerrieben. Man muss sich ein bisschen in Caspar verlieben. Und man muss die scheinbare Naivität Sayras ein bisschen unrealistisch finden. Aber zwischen Slums, Gewaltdiktatur, einer möglichen, aber ungewissen Zukunft in einem fernen Land und dem gierigen Lebenshunger von Kindern ohne Kindheit bleibt manchmal kein Platz für die Realität.
Sin Nombre zeigt eine Welt, eine Realität, die man nicht sehen will, von der man nicht wissen will und zu der man schon gar nicht gehören möchte. Eine Welt über die man nicht spricht, die sich abgrenzt und für deren Geschehnisse es eben keinen passenden Namen gibt.
Hier geht’s zum > Film